Lesezeit

Sich Zeit nehmen; einfach alles was war und noch sein wird beiseiteschieben.

Hier findest du kurze Geschichten und Gedichte von mir. Kleine geschriebene Momente, die dich aus dem Alltag entführen. Momente, die zum Träumen oder Nachdenken anregen, zum Lachen, die berühren, manchmal fesseln werden. Auch ich verbinde mit ihnen etwas Besonderes, ein Blick, ein Erlebnis, ein Gefühl.

Auch hinter der allerersten Geschichte, „Aufbrechen“ genannt, steckt so ein Erlebnis. Sie ist in einem besonderen Urlaub geschrieben worden. In Kroatien, wo ich das erste Mal Teil einer Lesung war, unter freiem Himmel vor wildfremden Menschen. Und dieser kleine Text war der erste Text, den ich vorgelesen habe.

Aufbrechen

Die Sonne zaubert Bilder aufs Meer. Bunte Häuser, Schiffe! Als gäbe es dort im Meer eine weitere Stadt, verborgen, nur in den Morgenstunden zu sehen.

Das Meer glitzert wie eine Schale voller Perlen und lockt: Komm herein! Willst du sie nicht sehen, die Stadt und ihre Bewohner? Komm, ich trage dich. Trage dich weit hinaus, da wo das das Meer dunkel und voller Geheimnisse ist. Du liebst sie doch, die Geheimnisse.

Zögernd steht sie am Strand. Dort, wo die Wellen sie noch nicht ganz erreichen können. Folgt dem Sonnenstrahl, der das Meer teilt. Spürt sie, die Morgensonne auf ihren Armen.

Erinnert sich, an das silbrig glänzende Meer im Mondschein, an den überlaufenden Sternenhimmel. Die Milchstraße, den großen Wagen und die Sternschnuppen, die immer nur die Anderen sahen.

Wie gerne hätte sie sich etwas gewünscht. Nur ein einziger Wunsch. Noch ein wenig hierbleiben, die Ruhe genießen. Die Farben in sich aufnehmen, die des Meeres, der Berge, Nerezine und der Menschen, vor allem der Menschen.

Sie zieht sich die Schuhe aus und lässt die Wellen sanft über ihre Füße rollen. Gibt sie dem Locken nach, wo das Neue schon leise ruft?

Zeit, Zeit zum Abschied. Zeit für Neues.

Der Alltag ruft, er mit seiner weichen, warmen, umhüllenden Decke.

Und doch. Etwas glimmt in ihr, einem kleinen Funken gleich. Weit entfernt und tief in ihr. Ihn wird sie mitnehmen, bewahren. Und die Zeit wird verändert sein.

Angelika Zeuschner-Aziglossou

Wenn Bäume reden

Ariane lief, wie so häufig in den letzten Wochen, hektisch durch den Schlosspark, immer auf der Suche nach… Ja, nach was? Sie konnte es noch nicht einmal benennen. Abrupt blieb sie stehen und ließ sich auf ein Mäuerchen am Wegrand nieder. Der beginnende Abend hatte die lähmende Schwüle des Tages mitgenommen. Da plötzlich erfüllte ein Rauschen die Luft. Ihr Blick fiel auf die Bäume, deren Zweige sich im Wind bogen. Der Himmel darüber schien wie eine graue konturlose Masse, schwer.  Hier, wo sie saß, war es windstill. Sie zuckte mit den Schultern. So windstill, wie in mir. Der Wind erreicht mich nicht. Ich kann ihn sehen, so als würde ich in einem Glashaus sitzen. Er zerrt und wirbelt, aber mein Glashaus hält ihn ab. Es gibt die Sicht frei auf das Leben da draußen, aber es lässt einfach nichts hinein. Sie seufzte.

Dave est mort. Wo kamen die Worte her. Sie rüttelten am Glashaus. Drei Monate war die Nachricht aus Togo nun her.   Zuerst hatte Ariane es nicht glauben wollen. Dann kamen die Tränen. Ihr kleiner Bruder im Geiste, ihre Seelenverbindung in dieses Land, war gegangen. Und sie hatte doch zurückgewollt. Den afrikanischen Teil ihrer Seele wieder auftanken.

Bald darauf war die Kommunikation mit seiner Familie zunehmend schwieriger geworden. Dabei hatte sie nur an seinen Sohn gedacht. Ruben ihren Patensohn, dem sie auch die Schule bezahlte. Was passierte nun mit ihm, wo seine Mutter längst irgendwo ein neues Leben begonnen hatte? Je mehr sie gefragt hatte, desto seltsamer waren die Antworten geworden. Immer hanebüchenere Geschichten wurden ihr aufgetischt und mit Ruben konnte sie überhaupt nicht mehr sprechen. Sie wäre gerne hinuntergeflogen. Aber die weltweite und auch ihre persönliche Lage machten das unmöglich. Sie hatte versucht über all ihre Beziehungen in Togo an Informationen zu kommen. Es war wie ein Kreisel gewesen, der sich immer schneller drehte. Mit der Zeit war ihr schwindelig geworden. Da hatte sie beschlossen, sich zurückzuziehen. Togo sei ab jetzt Geschichte, Vergangenheit. Schließlich war ihr Leben selbst gerade im Umbruch. Es würde ihr nur guttun, wenn ihre Gedanken nicht noch irgendwo in Togo rumschwirrten.

„Es war eine sehr gute Entscheidung.“ Hatte sie das gerade laut gesagt? Verstohlen blickte sie sich um, aber es war niemand in der Nähe. Ich sollte nach Hause gehen. Ich werde hier irgendwie seltsam. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie am Kurfürstengarten saß. Der Wind hatte sich gelegt. Nur die Blätter in den Baumkronen führten noch einen sanften Tanz auf. Fast wäre sie aufgestanden und hätte mitgetanzt. Kopfschüttelnd wandte sie sich ab.

Die alten Linden im Rondell tanzten nicht mit. Groß und majestätisch nahmen sie ihren Platz ein. Das Rondell war bereits früher einer ihrer Lieblingsplätze gewesen. Und auch jetzt zog es sie wie magisch an. Sie nahm ihre Tasche und ging langsam hinüber. Je näher sie kam, desto beschwerlicher wurden ihre Schritte. Es schien als wären ihre Füße mit Wackersteinen beschwert. Sie zögerte, bevor sie in den Kreis trat. Just in dem Moment durchbrach ein Sonnenstrahl die dichte Wolkendecke. Er fiel auf den Baum auf der gegenüberliegenden Seite und zauberte aus dem Nichts ein Gesicht auf seinen Stamm. Der Baum schaute nun wohlwollend auf den jungen Baum auf der anderen Seite des Weges.

Ariane spürte, wie ein Kloß im Hals ihr die Luft nahm. Komm. Sie ging auf den Baum zu, blickte an ihm hoch und legte ihre Hand auf seinen Stamm. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie blickte auf den jungen Baum und sah Ruben vor sich. Ruben, der Ende des Monats 12 Jahre alt werden würde. Dann sah sie Dave, das Land, die Menschen und sich selbst in der Mitte. Alles war ein Teil von ihr. Nein, es war nicht an der Zeit daraus Erinnerung zu machen. Die Geschichte war noch nicht zu Ende geschrieben. Leise versiegten ihre Tränen. Sanft legte sie ihren Kopf an den Stamm und verabschiedete sich.

Dann ging sie. Und Schritt für Schritt verwandelten sich die Glaswände in ihr zu Sand, den ein Windstoß mit fortnahm.                                                                                               Angelika Zeuschner-Aziglossou

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